Lazard AM | Marktausblick Q4 2026: Chancen trotz Gegenwind – Selektivität ist gefragt
Desiree Sauer, Investment-Strategin bei Lazard Asset Management
Investmentfonds.de - Frankfurt, 20. Oktober 2026 – Das Kapitalmarktumfeld bleibt nach Einschätzung von Desiree Sauer, Investment-Strategin bei Lazard Asset Management, auch in den kommenden Monaten herausfordernd. Die stark gestiegenen Energiepreise hätten die Inflation nach oben getrieben und gleichzeitig das Wachstum gebremst. Eine dauerhafte Lösung des Irankonflikts sei derzeit nicht in Sicht. Entsprechend bleibe der Wachstumsausblick gedämpft, während der Inflationsausblick angespannt sei.
USA: Robuste Wirtschaft trifft auf Inflations- und Fiskalrisiken
In den USA würden neben der geopolitischen Lage auch die Zwischenwahlen am 3. November stärker in den Fokus rücken. Der Konflikt im Nahen Osten und insbesondere die gestiegenen Benzinpreise hätten die Zustimmungswerte des US-Präsidenten belastet. Angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse könne vor allem im Repräsentantenhaus bereits eine begrenzte Verschiebung der Wählerstimmung den Ausschlag geben.Ungeachtet der politischen und geopolitischen Unsicherheiten zeige sich die US-Wirtschaft bislang robust. Der KI-getriebene Investitionsboom stütze die wirtschaftliche Dynamik, auch der Arbeitsmarkt präsentiere sich weiterhin widerstandsfähig. Gerade diese robuste Verfassung erschwere jedoch den Kampf gegen die Inflation: Der Preisdruck bleibe hoch und die gute Konjunkturlage gebe der US-Notenbank grundsätzlich Spielraum für weitere Zinserhöhungen.
„Die US-Wirtschaft befindet sich damit in einem Spannungsfeld: Konjunkturell dürfte sie grundsätzlich in der Lage sein, weitere Zinserhöhungen zu verkraften. Angesichts der hohen Staatsverschuldung könnten diese jedoch zu einer erheblichen Belastung für den Staatshaushalt werden“, sagt Sauer. Denn höhere Zinsen verteuerten den Schuldendienst, während Staatsverschuldung und Finanzierungsbedarf weiter zunähmen.
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Europa vor strukturellen Herausforderungen
Ähnliche Zielkonflikte zeichneten sich in Europa ab. Dort sei der Finanzierungsbedarf für technologischen Wandel, Verteidigung, die Energiewende und die Modernisierung kritischer Infrastruktur hoch. Gleichzeitig starte Europa aus einer vergleichsweise schwachen wirtschaftlichen Ausgangslage und profitiere bislang nur begrenzt vom KI-getriebenen Investitionsboom.Als Nettoenergieimporteure seien viele europäische Länder zudem weiterhin besonders anfällig für hohe Energiepreise. Der wieder gestiegene Inflationsdruck habe die EZB bereits zu Zinserhöhungen veranlasst. Gleichzeitig stelle sich die Frage, in welchem Umfang die europäische Wirtschaft weitere geldpolitische Belastungen verkraften könne. Hinzu komme der zunehmende Wettbewerbsdruck aus China, insbesondere in strategisch wichtigen Branchen wie Elektromobilität, Chemie und erneuerbaren Energien. „Europa steht damit vor der Herausforderung, erhebliche Zukunftsinvestitionen trotz begrenzter fiskalischer Spielräume und einer schwachen wirtschaftlichen Dynamik zu finanzieren“, erklärt Sauer.
Anleihen: Attraktive Renditen, aber Vorsicht am langen Ende
Für die Kapitalmärkte dürfte der steigende Finanzierungsbedarf der Staaten ein zentrales Thema bleiben, so Sauer. Sowohl in den USA als auch in Europa sprächen strukturelle Entwicklungen für dauerhaft höhere Staatsausgaben und damit für ein wachsendes Angebot an Staatsanleihen.Auf der einen Seite böten Staatsanleihen mittlerweile im historischen Vergleich attraktive Einstiegsrenditen, die in den USA und den Kernländern der Eurozone auch real deutlich positiv seien. Auf der anderen Seite spreche die strukturelle Angebotsproblematik gegen eine vorschnelle Verlängerung der Duration. Müssen Staaten dauerhaft mehr Anleihen emittieren, könnten Anleger höhere Terminprämien verlangen und die Renditen am langen Ende weiter steigen.
Auch Unternehmensanleihen seien anfällig für konjunkturelle Rückschläge und Phasen erhöhter Volatilität. Eine sorgfältige Titelauswahl gewinne deshalb weiter an Bedeutung. „Unternehmen mit soliden Bilanzen und stabilen Geschäftsmodellen sind grundsätzlich besser positioniert, um auch in einem anspruchsvolleren Marktumfeld widerstandsfähig zu bleiben“, sagt Sauer. „Innerhalb des Unternehmensanleihemarkts erscheinen insbesondere nordische Emittenten weiterhin interessant – sowohl im Investment Grade- als auch im High Yield-Segment.“
KI-Boom stützt – wirft aber zunehmend Bewertungsfragen auf
Ein weiteres wichtiges Thema für die Kapitalmärkte sei die Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz. Die großen US-Technologiekonzerne investierten enorme Summen in Rechenzentren, Chips und digitale Infrastruktur. Davon profitierten insbesondere Hardware- und Halbleiterunternehmen in den USA und Asien.Gleichzeitig stelle sich zunehmend die Frage, ob sich das hohe Investitionstempo langfristig wirtschaftlich auszahlen werde. In den Bewertungen vieler KI-naher Unternehmen seien bereits hohe Erwartungen an künftiges Wachstum und Profitabilität eingepreist. Kurzfristig dürfte die Investitionsdynamik rund um KI die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte jedoch weiter unterstützen.
Diese Konstellation spricht aus Sicht Sauers für eine stärkere regionale und sektorale Diversifikation. Die USA blieben der weltweit führende Innovationsstandort im Bereich Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig könne Europa für globale Investoren wieder an Attraktivität gewinnen. Auch die Emerging Markets böten langfristig interessante Perspektiven: Vor allem asiatische Schwellenländer spielten eine zentrale Rolle in der globalen KI-Wertschöpfungskette und viele Technologieunternehmen seien dort im Vergleich zu den USA deutlich günstiger bewertet. Ein weiterhin schwacher US-Dollar könne zusätzliche Kapitalzuflüsse unterstützen.
Fazit: Chancen erfordern einen differenzierten Blick
Insgesamt dürfte das Kapitalmarktumfeld in den kommenden Monaten von gegenläufigen Kräften geprägt sein. Aus Sicht der Strategin eröffnen attraktive Renditen im Anleihebereich Chancen, während steigender staatlicher Finanzierungsbedarf, Inflationsrisiken und geopolitische Unsicherheiten gegen eine pauschale Positionierung am langen Ende sprechen. Im Creditbereich komme es daher weiterhin auf eine sorgfältige Emittentenauswahl an.Auch an den Aktienmärkten sei eine differenzierte Betrachtung sinnvoll. Der KI-Investitionszyklus stütze kurzfristig Wachstum und Unternehmensgewinne, zugleich seien hohe Erwartungen bereits in den Bewertungen vieler KI-naher Unternehmen reflektiert. Europa und die Schwellenländer könnten im Zuge einer breiteren regionalen Diversifikation an Bedeutung gewinnen.
„Vor diesem Hintergrund dürfte eine ausgewogene Kombination aus regionaler Diversifikation, selektiver Titelauswahl und einem aktiven Management von Zins- und Kreditrisiken entscheidend sein“, fasst Sauer zusammen.
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